Inzucht in der Pferdezucht

Unter Inzucht ist im allgemeinen die bevorzugte Paarung zwischen sehr nahen Blutsverwandten oder im speziellen die Kreuzung innerhalb genetisch möglichst reinrassiger Zuchtlinien zu verstehen.
Das Ziel einer solchen Inzucht ist eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des homozygoten Auftretens von Extremen in beiden möglichen Richtungen.


Foto: Blutsverwandte Stutfohlen

Hier sind also sowohl mögliche krankhafte als auch besonders leistungssteigernde Genkombinationen möglich.
Bei der Inzucht sind auch häufiger Erbkrankheiten zu verzeichnen. Von diesen spricht man, wenn ein für den Stoffwechsel notwendiges Gen einen Defekt aufweist. Durch diese zum Beispiel durch Mutation der Erbanlagen herbeigeführte Schädigung, kann das entsprechende Gen nicht mehr richtig funktionieren. Aber es gibt auch Pferde, die so ein geschädigtes Gen in sich tragen ohne jedoch irgendwelche Auswirkungen auf Aussehen oder Gesundheit vorzuweisen. Das ist möglich, da hier zwei Paare des gleichen Gens vorhanden sind, und zwar ein intaktes – als auch ein geschädigtes Gen. Hier werden jedoch genügend Proteine vom funktionierenden Gen produziert, so dass hier das defekte Gen keinerlei Schaden anrichten kann. Eine solche Erbkrankheit (denn auch wenn man nichts beim Pferd bemerkt liegt hier eine solche vor!) wird rezessiv genannt.



Fatal wird das ganze erst, wenn bei der Inzucht zwei nahe verwandte Pferde diese rezessiven Eigenschaften besitzen. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 25%, dass Nachkommen solcher Elterntiere gleich „zwei“ nicht funktionierende Gene erhalten. Hier übernimmt kein gesundes Gen die Proteinproduktion, die Erbkrankheit bricht aus und wird beim Fohlen offensichtlich.

Nicht selten können Züchter aber auch beobachten, dass im genetischen Sinne reinerbige Pferde geringere Vitalität und Widerstandskraft gegenüber Krankheiten aufweisen. Als Grund kann hier gesehen werden, dass die genetische Information in beiden Chromosomensätzen gleich ist und dadurch weniger unterschiedliche Gene zum gegenseitigen Austausch vorhanden sind (umgekehrter Heterosis-Effekt).

Warum es Sinn macht doch In-zu-züchten, liegt daran, weil gezielte Inzucht mit Selektion der geeigneten Typen verbunden ist, denn für die Entwicklung bestimmter Blutlinien hat diese Zuchtmethode durchaus Bedeutung für die Pferdezucht gehabt.

So sind die Pferderassen Orlow-Traber und der Russische Traber durch den Grafen Orlow bewusst durch Inzuchtanpaarung gegründet worden.


Linienzucht in der Pferdezucht

Bei der Pferdezucht haben manche Hengste das Rassenbild oder die Leistungsmerkmale so dominant geprägt, dass man hier von einem „Stempelhengst“ sprechen kann, denn er hat im übertragenen Sinne einer Zuchtpopulation seinen Stempel aufgesetzt. Diese günstige Erbfaktorenkombination ließ sie zu Linienbegründern der jeweiligen Pferderasse werden. In der Pferdezucht spricht man hier von Linienzucht, bei welcher versucht wird, die Merkmale der verschiedenen Linien miteinander zu vereinen.

Eine Zuchtvariante bei der Linienzucht ist es, einen Hengst, der stark auf eine Hengstlinie (in)gezüchtet ist, mit einer Stute zu paaren die ihrerseits sehr stark auf eine ANDERE Hengstlinie (in)gezüchtet ist. Dies soll den Heterosis-Effekt (verstärktes Herauskommen bestimmter Eigenschaften) dann auch innerhalb einer Pferderasse fördern und somit die Einkreuzung von Fremdrassen erübrigen.

Wieder kann hier ein schönes Beispiel aus der Vollblutzucht genannt werden, wo drei bereits im 18. Jahrhundert entstandene männliche Linien sich so bedeutend entwickelt haben, dass sie sich auch bis in die heutige Zeit erhalten haben. Es handelt sich hier um die orientalischen Hengste: The Byerley Turk, The Darley Arabian und the Godolphin Barb.
Nach den Namen zu Urteilen war der erste vermutlich ein Turkmene, der zweite ein Araber und der dritte ein Berber gewesen. Allen dreien gemein war, das jeweils einer ihrer Nachkommen züchterisch große Bedeutung erlangt hat.

Die drei eingekreuzten Hengste konnten zu ihrem großen Einfluss in der Vollblutzucht gelangen, weil ihre Nachkommen sich durch einen harten Ausleseprozeß von Training und Rennen bewährten.


Foto: Araber



Gebrauchspferdezucht

Wenn es darum geht, gute Leistungsmerkmale von zwei verschiedenen Rassen zu kombinieren, so spricht man in der Regel von einer Gebrauchspferdezucht.

Ein schönes Beispiel für eine solche Zuchtmethode lässt sich im Wechselspiel zwischen Kriegszeiten und Frieden in der Vergangenheit finden. Zu Friedenszeiten mussten Pferde auf den Äckern Pflug und Wagen ziehen, hier waren also schwere, kräftigere Pferde gefragt. Wurden Kriege geführt, waren diese schweren Pferde meist zu langsam und schwerfällig, es wurden leichtere, schnellere Pferde gebraucht. Im Laufe der Geschichte wurden so bei allen Gebrauchspferderassen entsprechend ihrem jeweiligen Verwendungszweck leichte oder schwere Pferde eingekreuzt. Das hat sich bis heute erhalten, doch ist nicht mehr Krieg und Frieden dafür verantwortlich, sondern die einzelne Verwendung im Pferdesport. So unterscheiden die Kriterien nach der Eignung zum Dressur oder Springen, Wagen- oder Reitpferde, zu Reining, Cutting oder Trail.

Gerade bei den zuletzt genannten Disziplinen fällt uns eine Pferderasse ins Auge, welche Ursprünglich alleine aus der Sicht der Gebrauchspferdezucht entstanden ist.

Die Quarter Horses fanden ihren Ursprung in den Pferden welche von den Konquistadoren mit auf den amerikanischen Kontinent gebracht wurden. Hierzu zählten ursprünglich Araber, Berber und Andalusische Pferde. Durch spätere Siedlerströme kamen weitere Pferderassen hinzu, wie auch das englische Vollblut. Die in Amerika lebenden Pferde wurden je nach ihrem Gebrauch miteinander eingekreuzt, auf Schnelligkeit zur Fortbewegung (durch Vollblut) oder für das Farmleben mit schwerer Ackerarbeit (Kaltblutanteile. (Natürlich lässt sich dieses Kriterium auch auf unsere Warmblüter oder andere Pferderassen anwenden!).

Doch gerade diese Gebrauchspferdezucht ließ das Quarter Horse zu einer der zahlenmässig größten Pferderasse der Welt heranwachsen


Foto: Quarter Horse Stute mit Fohlen



Durch die heute an diese Pferde gestellten Bedürfnisse beim Pferderennen, bei der Ranch- oder Farmarbeit, als sportorientiertes Westernreitpferd oder auch immer mehr als beliebtes Freizeitpferd, wurde immer mehr begonnen hier züchterisch zu selektieren.
Heute ist das Quarter Horse zwar eine in sich konslidierte Rasse, aber trotzdem keine Reinzucht, denn sie entspricht noch immer den Kriterien einer offenen Population. Diese lässt grundsätzlich die Hereinnahme fremder Gene zu, worunter jedoch keine wilde Kreuzungszucht zu verstehen ist. Es gelten auch hier in der Zuchtordnung festgeschriebene Regeln, welche Rassen - für welche Zwecke, eingekreuzt werden dürfen.

Speziell beim Quarter Horse bedeutet es, das lediglich Englische Vollblüter eingekreuzt werden dürfen - nachdem Sie einen entsprechenden Eintrag im AQHA Zuchtbuch erhalten haben.

Die Zuchtprodukte erhalten dann ein sogenanntes Appendix-Papiere und können erst durch Nachweis erbrachter Leistungen in das Haupt-Zuchtbuch aufrücken.

Das macht Sinn, weil es bis heute noch immer auf Schneligkeit bei den Pferderennen ankommt, und hier die Vollblüter ideal zur Veredlungskreuzung dienen.


Foto: Quarter Horse mit Vollblutanteil



Aus dieser Sicht betrachtet, zählt das Quarter Horse (wie auch manche andere Pferderasse) bis heute noch zu den Gebrauchspferderassen.


Zufalls(mix)zucht

Nach genauem Durchlesen der obigen Ausführungen zur gezielten Pferdezucht wird einem schnell klar, dass umfangreiches Wissen und großes Verantwortungsbewusstsein nötig sind, um wirkliche Freude am Pferdenachwuchs zu haben. Aufgrund der hohen Risiken (wie oben beschrieben) sollte „wilde Pferdezucht“ vermieden werden. Das gewünschte Ergebnis jeder Zucht ist ein sowohl charakterlich als auch körperlich gesundes Tier, welches sich für das erhoffte Sportziel, meist Reiten, eignet. Leider kommt es im Freizeitbereich häufig vor, dass die „hübsche“ Stute X mit dem „tollen“ Hengst Y des Nachbarhofes zusammengebracht wird, mit der Erwartung ein „hübsches tolles“ Fohlen zu erhalten. Da hier häufig gar nicht weiter in der Abstammungsgeschichte der Pferde geforscht wird und oft noch nicht mal überlegt wird, welche negativen Anlagen vererbt werden können, ist die Enttäuschung über das Fohlen oft groß.


Sicher gibt es auch hübsche, reitbare Pferde, die das Ergebnis solch einer Zufallszucht sind, aber das Risiko, dass es anders kommt, ist sehr groß. Und man sollte auch weiter überlegen: Will man das Fohlen behalten oder vielleicht verkaufen? Mit solch einer „wilden“ Pferdezucht ist auf keinen Fall Geld zu verdienen! Die Unkosten der Fohlenaufzucht überschreiten bei weitem den möglichen später erzielten Kaufpreis.


Foto: Rassenmix


Gattungskreuzungen - ein Teil Pferd

Neben den oben beschriebenen Rassenkreuzungen gibt es noch die Gattungskreuzung, bei welcher Pferdeartige Tiere miteinander gekreuzt werden. Am bekanntesten sollten hier die Maultiere und Maulesel sein, welche wegen ihrer Arbeitswilligkeit und Genügsamkeit noch bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts stark gefragt waren.


Diese Paarungen entstehen wenn man einen Pferdehengst mit einer Eselstute (=Maulesel) oder eine Pferdestute mit einem Eselhengst (=Maultier) paart. Beide Tierarten lassen sich kaum auseinanderhalten. Einzig und allein an der Rückenpartie und bei den Hufen gibt es Unterschiede. Maulesel haben den Rücken und die Hufform vom Pferd, Maultiere vom Esel.

Eine weitere Vermehrung der Tiere untereinander ist fast unmöglich, denn das Maultier ist gänzlich unfruchtbar, wogegen sich Maulesel manchmal sogar fortpflanzen können. Hier sind die Männchen stets, die Weibchen häufig unfruchtbar. Maulesel werden im Gegensatz zum deutlich leistungsfähigeren und robusten Maultier nur selten gezüchtet.


Foto: Maulesel


Es gibt jedoch bei den Pferdeartigen noch weitere Kreuzungen und zwar zwischen Pferd und Zebra (Zebroiden oder kurz Zorse) sowie Esel und Zebra (Zebrule oder kurz Zesel). Zebroiden weisen meist eine größere Ähnlichkeit zu einem Pferd, als zu einem Zebra auf. Zebrule sind normalerweise ebenfalls unfruchtbar. Sie leben meist in freier Wildbahn in Südafrika in Gegenden in denen Zebras und Esel in enger Nachbarschaft leben.


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Zuchtmethode der Zukunft? – Die Genomanalyse