Ein Königreich für ein Pferd - oder was Pferde wert sind?

Ein Königreich ist vielleicht doch ein wenig zu viel, aber schon nahe dran an dem, was ein Pferd wert ist. Leider reicht das Verständnis der meisten Pferdekäufer aber nicht soweit.

„Wer schenkt mir ein Pferd?“ liest man nur all zu oft in Anzeigenmärkten. Schenken? Wenn das Geld schon nicht dazu reicht, ein Pferd zu kaufen, wie will man es denn dann noch unterhalten? Unterbringung, Futter, Schmied, Tierarzt, Zubehör - lässt man sich das auch schenken?

Und die, die durchaus bereit sind, ein paar Scheine für ihren Freizeitpartner locker zu machen, fangen an zu feilschen, ohne sich Gedanken über den eigentlichen Wert eines Pferdes zu machen.


Also - was ist ein Pferd wert?

Schweifen wir mal ein bisschen ab und fragen, was ein Huhn wert ist.
Eine Henne legt ein Ei, ein Küken schlüpft, es wird wochenlang gefüttert, bis es schließlich so groß ist, dass es auf den Teller passt. Während es heranwächst sind zwei Prozent seiner Geschwister verstorben - aber deren Futter und das der Mutter und des Vaters musste ja auch bezahlt werden. Das Huhn ist also schlachtreif, es wird irgendwo hin transportiert, wo es einem wenig natürlichen Tode zugeführt wird. Dann wird es ausgenommen, gerupft, Tierärzte machen Stichproben ob auch alle Hühner gesund und essbar sind. Es wird in Plastik gewickelt, eingeschweißt, tiefgefroren, zu einem Großhändler transportiert und landet letztendlich in der Truhe eines Einzelhändlers.

Was das wohl alles gekostet hat?

Kann nicht so viel gewesen sein, der Kunde trägt es für durchschnittlich 3 Euro zur Kasse.


Das ist billig, so gesehen, nicht wahr? Aber nur möglich durch intensive Massentierhaltung, die mit unserer Vorstellung vom über die Wiese galoppierenden Fohlen nun wirklich gar nichts mehr gemein hat.

Und damit kommen wir zum springenden Punkt: wer erwartet, ein artgerecht aufgezogenes Pferde zu erhalten, das gesund und kräftig genug ist, um von seinem neuen Besitzer nicht nur gestreichelt, sondern auch geritten zu werden, der sollte sich einmal Gedanken darüber machen, was es denn gekostet hat, dieses Pferd aufzuziehen.


Aber schauen wir einmal genauer hin und fangen bei einem Fohlen an:


Deckgeld des Hengstes 1.000,00 €
Tierarztkosten Besamung300,00 €
Jahresbeitrag Zuchtverband – Züchter 150,00 €
Jahresbeitrag Zuchtverband – Zuchtstute-80,00 €
Versandkosten Samen – oder Fahrkosten100,00 €
Zusatzfutter Zuchtstute – zb. Biotin100,00 €
Gesamtkosten bis Embryo im Bauch1.730,00 €


11 Monate Trächtigkeit der Stute a 200 € Boxmiete2.200,00 €
(Wenn Box vermietet wäre bekäme der Züchter diesen Betrag! - so fehlt ihm das Geld monatlich)
11 Monate Futter und Zusatzfutter (Mineralien) für die Stute a 120 €1.320,00 €
Ultraschall zur Trächtigkeitsfestellung oder Prüfung ob Zwillingsträchtigkeit besteht210,00 €
Wurmkuren Mutterstute 4x im Jahr a 20 €80,00 €
Hufschmied Mutterstute alle 6 Wochen € 30,00220,00 €
Strom Kamera bei Geburt, bzw. Wächtomat20,00 €
Kosten bis zur Geburt des Fohlens der Mutterstute4.050,00 €


Gesamtkosten bis Fohlen geboren wird5.780,00 €

Wie? Diese Rechnung soll nicht stimmen?

Oooh doch, denn alles andere hat nichts mit „Züchten“ zu tun, sondern „Vermehren“ und da liegt der Hase im Pfeffer vergraben!

"Züchten" bedeutet viel mehr als einfach zwei Pferde mit einander zu verpaaren!

Dazu haben wir auch bereits einige Artikel bei uns geschrieben, welche hier zu finden sind:

Zuchtmethoden in der Pferdezucht
oder
Faszination der kleinen Fohlen


Eine Umfrage vor einiger Zeit ergab, dass die monatlichen Kosten für die Pferdehaltung (Futter, Unterhalt) bei durchschnittlich ca. 200,-- Euro liegen. Leider wurde bei der Umfrage nicht berücksichtigt, ob in diesem Betrag auch Schmied- und Tierarztkosten enthalten sind, die wie aber hier vernachlässigen möchten.

Eine einfache Milchmädchenrechnung würde jetzt ergeben: ein Pferd ist ab drei Jahre reitbar. Zu dem Zeitpunkt wird es meistens auch gekauft bzw. verkauft.

Drei Jahre gelebt und gefressen für 200 Euro im Monat - das ergibt einen reinen Pferdwert von 36 * 200 Euro = 7.200 Euro ohne Berücksichtigung von Züchtergewinn und den Kosten bis zur Geburt des Fohlens.

Zusammen würde also ein 3jähriges gesundes Pferd bis es vom Züchter verkauft wird (also noch mal - OHNE Gewinn oder anders - Arbeitslohn des Züchters!!) also rund € 13.000,00 kosten!


Nun kann man natürlich argumentieren, dass das Fohlen im ersten Jahr sehr billig unterhalten werden kann, da es ja bei der Stute steht und weitestgehend von ihr ernährt wird. Aber wo sollen die Kosten für den Unterhalt der Stute kalkuliert werden?

13.000 Euro - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, denn eine weitere Umfrage ergab, dass nur 20% aller Pferdekäufer über 5.000 Euro für ihren vierbeinigen Kameraden ausgeben.
Aus der gleichen Umfrage ging hervor, dass die durchschnittlichen Anschaffungskosten für ein Pferd bei ca. 3.800 Euro liegen, wobei Alter, Abstammung und Ausbildungsstand des Pferdes nicht berücksichtigt wurden.
Zahlt der Züchter also 8.000 Euro beim Verkauf drauf?


Obwohl man ein Fohlen sicherlich auch billiger aufziehen kann, die Pferdehaltung in der Herde allgemein günstiger ist, billige Pferde aus dem Ausland importiert werden etc. sollte uns dieses kleine Zahlenspiel vielleicht doch dazu veranlassen, sich einmal Gedanken über den Wert des Pferdes zu machen und vor allem dazu anregen zu akzeptieren, dass man eine artgerechte und fachkundige Aufzucht von Pferden nur erwarten kann, wenn man auch bereit dazu ist, den Wert des Pferdes anzuerkennen und - vor allem - zu zahlen.

Denn Billigkäufe können nicht aus einer tiergerechten Aufzucht kommen. So unterstützt jeder "Billigkäufer" die Ausbeutung von Stuten als Zuchtmaschinen, vernachlässigte Fohlenhaltung und Vermehrungszucht, bei der das Pferd als Individuum auf der Strecke bleibt.

Schon einmal darüber nachgedacht?


Natürlich werden nun einige aufschreien – "MEINEN habe ich billig erworben – er war nicht teuer!!"

TEUER – Teuer wie WUCHER? - oder eher Teuer – weil ich mir nicht ein anderes Pferd habe leisten können – würde es dann nicht eher heißen – er lag in meinem Budget?

Das hört sich zum einen nicht nur ehrlicher an – sondern auch – freundlicher – denn wenn jemand sein Pferd verkauft und wenigstens einen Großteil seines Geldes was er ausgegeben hat herein bekommen möchte (Noch mal zur Erinnerung – bis 3 Jahre um die € 13.000!) - und er würde sich dem Markt anpassen und sagen – Schön – ich gebe mein Pferd jetzt für € 7.000 ab – warum knallt man ihm dann „Das ist mir zu TEUER“ um die Ohren?

Sicher gibt es auch im unteren Preissegment „Perlen“ - aber die müssen gefunden werden.

Oft sind es Notverkäufe (Pferd muss schnell weg weil jeder Monat kostet!) - oder nicht selten ältere Pferde. Bei ihnen arbeitet der Stoffwechsel nicht mehr wie bei einem Jungen Pferd und nicht selten muss man das doppelte an Futter verfüttern damit überhaupt „etwas“ im Pferd bleibt. Selten bedenken dies die neuen Besitzer und ziehen diese Zusatzkosten in ihre monatliche „das kann ich mir leisten“ Rechnung ein.
Fazit – das arme Pferd wird jetzt seinem neuen Besitzer „zu teuer“ und wird für noch weniger weiterverkauft. Eine Abwärtsspirale für das arme Pferd beginnt!

Hand auf's Herz? Durch wie viele Hände sollen Pferde gehen bis sie „Billiger“ geworden sind?


Weitere Gründe warum jemand ein Pferd im besten Alter weit unter Preis verkauft kann sein – es wird einem ein so genanntes „Problempferd“ angeboten. Meistens ist solch ein Pferd bereits durch so viele verschiedene „Reiterhände“ gegangen, dass es nicht mehr weiß was man „da oben“ überhaupt von ihm möchte!

Der eine wollte das es „englisch“ läuft, der nächste packte einen Westernsattel drauf, ein anderer verlangte das Klettern auf kleine Podeste und ein vierter wollte gar das man seine drei Kinder und die des Nachbarn täglich brav durch die Gegend schauckelt und bloß nichts macht wenn eines einen auf den Rücken knallt!

Ja – Problempferde nennt man sie wohl!! - Günstig zu haben – und nicht zu teuer!

Sollte ein Pferd erst zu einem Problempferd werden damit es „billiger“ wird?


Zu guter Letzt fallen mir noch die ärmsten ein. Falsch gerittene, falsch gehaltene oder bereits angeschlagene „billig“ gekaufte Pferde die ihren Dienst weiter unter dem Reiter zu versehen hatten – kranke Pferde!

Je nachdem wie viele Medikamente solch ein Pferd bereits bekommen hat, ist es nicht mal mehr für einen Schlachtpreis zu verkaufen – der Schlachter nimmt es nämlich nicht mehr! (Eintrag Equidenpass!)

Schlachtpreise beim Pferd sind im Keller – im Jahre 2015 liegt er für ein Großpferd um die 400 € – da freut man sich doch als Verkäufer wenn sich jemand findet der es „billig“ kaufen mag – so für 1000 € vielleicht. Dann hat man auch die Medikamente wieder raus die man bezahlt hat.

Das Pferd wechselt seinen Besitzer der sich über seinen neuen Partner freut. Erkennt er früh das etwas mit seinem Pferd nicht stimmt – hat das Pferd Glück – er - wenn er ein Gewissen hat Pech. Denn nun zahlt er entweder die teuren Medikamente wenn dem armen Geschöpf noch zu helfen ist, oder er muss sich eine „Endlösung“ für das „billig“ und nicht „teuer“ gekaufte Pferd überlegen. Vielleicht weiter verkaufen???

Wie krank sollte ein Pferd werden damit es „billiger“ verkauft wird?


Vielleicht hat unser Artikel den einen oder anderen etwas zum nachdenken gebracht!

Nein, es soll nicht jeder auf seinen Traum ein eigenes Pferd verzichten – doch er soll seinen Traum mit Bedacht träumen.

Aber warum muss es unbedingt „heute“ ein Pferd sein? Kann man die Boxmiete die man hätte nicht noch 18 Monate sparen (= 3.600 €) und zusammen mit dem was man bereits für sein „billig“ Pferd gespart hat legen um ein Pferd direkt beim Züchter zu kaufen?

Wenn es schwerer wird kranke, verittene oder alte Pferde einfach an den nächsten weiter zu reichen – weil es der „Markt“ so hergibt, so werden viele sich vielleicht mehr selber um sie kümmern oder darauf achten das sie nicht krank werden – oder sie so zu verstören das die Pferde aufgeben und nichts mehr wollen!

Liegt tatsächlich eine Notsituation vor, so ist das Pferd auch dann noch seinen Preis wert und man braucht die Notsituation des Verkäufers nicht noch zu seinen Vorteil nutzen.

Wir finden jedes Pferd ist es wert nicht als „Billigware“ abgestempelt zu werden und jeder sollte Spaß an seinem Pferd haben.. aber nicht auf Kosten anderer.. nicht der Verkäufer am Käufer oder der Käufer am Züchter!